DIE INSTRU-MENTALE ARBEIT DES MUSIKERS

AUS PHÄNOMENOLOGISCHER SICHT BETRACHTET

 

Ich verstehe Phänomenologie als die Untersuchung des Subjekts Musik in seiner Wechselwirkung mit dem Subjekt Mensch. Musik ist für mich Spiegel des Lebens, folgt somit den Lebensgesetzen - u.a. dem Gesetz der Schwingung, der Polarität, des Rhythmus, dem Gesetz von Ursache und Wirkung - und weist, wenn alle Bedingungen stimmen, über das Raum-Zeitliche hinaus. Musik und Transzendenz sind für mich eins.

 

Der phänomenologische Ansatz verfolgt das Ziel, den energetischen - oder auch dramaturgischen - Verlauf einer Partitur zu begreifen, die Vielfalt oder Komplexität der Phänomene durch ständige Korrelation reduzierbar zu machen und so dem Bedürfnis des Gehirns nach Kohärenz zu entsprechen. Es gilt, die Komposition bereits beim ersten Hören verständlich, sprich verdaulich zu offerieren und die subjektive Interpretation - im Sinne einer primär impulsiv-emotional gesteuerten Auslegung der Partitur - auf ein Mindestmaß zu halten. Als Musiker mache ich nichts anderes als herauszufinden, was der Komponist wollte, besser: was die Komposition will. Der Schöpfer hatte ein Erlebnis und nutzte die Kurzschrift, um es aufschreiben zu können. Meine Arbeit beginnt bei der Kurzschrift an um zum Ursprungs-Erlebnis zu gelangen. Darum ist es mir wichtig, mich in bewusster Zurücknahme meiner Ich-Haftigkeit zu üben und zu versuchen, Medium zu werden für das, was sich klanglich durch mich manifestieren will.

 

Mit dieser Vorgehensweise manifestiert sich im Idealfall ein Musizieren, das vom intentional gesteuerten Ego und den materiellen Vorbedingungen bereinigt ist: ein Musizieren, das Raum für Transzendenz, für ein seelisches Erleben schafft.

Wenn ich hier von Musik spreche, dann beziehe ich mich bewusst auf die westliche klassische und tonal zentrierte Musik. In ihr bin ich beheimatet.

 

Um diesen Prozess zu versprachlichen, bedarf es eines eigenen, von der Phänomenologie geprägten Vokabulars, das ich in den 80er Jahren im Studium bei meinem damaligen Mentor Sergiu Celibidache in Mainz und München gelernt habe. Seine geistige Durchdringung von Musik, die Gabe sich ihrem Wesen sprachlich anzunähern wie auch die Schulung des Hörens haben meine künstlerische und pädagogische Arbeit wesentlich mitgeprägt.

 

VORTRAG

 

Anlässlich eines Symposiums mit dem Titel ”Musik und Gehirn” an der Universität Münster 2023 habe ich die Ehre gehabt, einen Vortrag zum Thema ”Phänomenologie der Musik” zu halten. Der Vortrag beleuchtet nicht nur die neuro-physikalische Wahrnehmung von Musik, sondern zeigt auf, was in einem klassich geschulten, übenden Musiker an geistig-emotionaler Arbeit stattfinden kann, wenn er sich der Musik nicht als einem Objekt nähert, das möglichst fehlerfrei zu bewältigen ist, sondern sie als etwas Werdendes, als dem Leben verwandten Entstehungsprozess begreift. Verbunden mit sehr konkreten anwendbaren Anhaltspunkten zum instru-mentalen Lesen, Analysieren, Üben und Vortragen einer klassischen Komposition, werden Vokabeln genutzt, die im Unterricht wie auch in der Musikausübung eher selten genutzt werden: gehirn-gerechtes Üben, Gestaltgesetzte der Wahrnehmung, Kohärenz, Artikulation und Phrasierung, Vielfalt - Korrelation - Reduktion (Chunking), tonales Zentrum - Räumlichkeit, vertikaler Druck, Geschwindigkeit vs. Tempo, Introversion - Extroversion.

Der phänomenologische Ansatz ist dabei hilfreich, nämlich auf die Wechselwirkung Mensch-Musik zu schauen. Mit der Frage ”Wie wirkt das Phänomen auf meine Psyche, auf meine Physiologie?” trage ich zur Einzigartigkeit meines Musizierens bei, ohne die Eigengesetzlichkeiten von Musik, der Psyche und die Lebensgesetze außer acht zu lassen. Als Musiker und Psychotherapeut steht für mich der Mensch in Interaktion mit dem Werk im Mittelpunkt des Interesses.

Ich kann ich mir vorstellen, dass diese Ausführungen für Studenten und Dozenten geeignet sind, neue Perspektiven, konkrete Tipps und Vokabeln an die Hand zu bekommen, um die Kunst des Übens und Unterrichtens bewusster und lebendiger werden zu lassen.

 

Zur Buchung des Vortrages (Dauer 90', Klavier und Mikrophonie erwünscht) nutzen Sie bitte das unten stehende Formular.

 

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